Lutz Cassel – Grandsegnieur der Bürgerbeteiligung in Wilhelmsburg

Der Vorsitzende des Beirats für Stadtteilentwicklung ist inzwischen 70 und hat seinen goldenen Lebensabschnitt ganz in den Dienst der Menschen auf der Elbinsel gestellt.

Begonnen hat er ganz wo anders. Frage: wie wird man als Maschinenbauer Regisseur ? Ich weiß nicht, wer außer Lutz Cassel darauf eine befriedigende Antwort geben kann. Er selber hat´s jedenfalls hingekriegt. Als technische Hilfskraft im Kopierwerk des NDR, wo Filme für die Tagesschau schnell entwickelt werden  mussten, begann er; später war er Mitorganisator des „Abends für junge Hörer“ auf NDR 2.

Das er zudem über ein besonders sensibles Musikempfinden verfügt, erklärt sich daraus, dass er gleich fünf Instrumente spielt: Klavier, Geige, Querflöte, Gitarre und Kontrabass.

Diverse Lieder für Live-Sendungen schrieb er selbst. Wer dies liest, der wundert sich nicht mehr darüber, dass Lutz Cassel anlässlich der letzten Weihnachtsfeier des Stadtteilbeirats im Wilhelmsburger Rathaus eine von ihm getextete und komponierte Wilhelmsburg-Hymne vortrug, bei der er sich selbst auf der Gitarre begleitete.

Das Regiehandwerk lernte er bei keinem geringeren als Gerlach Fiedler (die Stimme von Krümelmonster) und kämpfte an seiner Seite gegen die Zerschlagung des NDR. Später zeichnete er mitverantwortlich für den digitalen Aufbau der Musikredaktion von NDR 90,3.

Schon durch seine Tätigkeit im Personalrat des NDR wurde ihm klar, dass der Einsatz für die Schwächsten immer der schwierigste, aber auch der nötigste ist.

Er urteilt über sich selbst, dass er sich  mit seinem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn schon immer für die „Menschen am unteren Ende der Skala“ eingesetzt hat. Mit dieser Haltung ist er jedenfalls in Wilhelmsburg keinesfalls fehl am Platze. „Die Wilhelmsburger ticken anders“ – sagt er. Jeder hier weiß, was er damit meint.

LutzvorBuergerhausNach vielen stadtentwicklungspolitisch relevanten, großteils erfolgreichen Gefechten (Abwehr der ultimativen Hafenerweiterung nach 1962, Beendigung der Sondermüllunterbringung im Müllberg Georgswerder, Cancelung einer Bauschuttdeponie als Lärmschutzwall an der A 1, Verhinderung des Abrisses der Brücke des 17.Juni, Verlegung der Müllverbrennungsanlage in Neuhof, um nur einige der seinerzeit geplanten Standortkiller zu nennen) gibt es jetzt doch zunehmend Hoffnung auf eine positive Entwicklung der Elbinsel – aber nicht ohne qualifizierte Bürgerbeteiligung.

Die ist für Lutz Cassel erst dann gegeben, wenn Ideen der Bürger in nennenswertem Umfang in die Planungen mit einfließen und durch Partizipation aus ursprünglichen Gegnern „Kompromisspartner“ werden.

Das hat in Wilhelmsburg nicht immer funktioniert, wie z.B. beim Perspektivenprozess, wo sich zum Schluss insbesondere die durch die Entscheidung über die Verlegung der Wilhelmsburger Reichsstraße ohnehin schon frustrierten Aktiven um den Verein „Zukunft Elbinsel“ herum sogar zurückzogen und wegen aus ihrer Sicht verfehlter Partizipationspolitik der Verantwortlichen am Beteiligungsverfahren „Neue Mitte Wilhelmsburg“ gar nicht mehr teilnahmen.
Dies bedauert Lutz Cassel, sieht er doch gerade diesen Prozess als Musterbeispiel für gelungene Bürgerbeteiligung an, wobei der avangardistische Ansatz der IBA sicherlich eine wesentliche Voraussetzung war.

Für seine Stellvertreterin im Stadtteilbeirat, Sabine Unbehaun, die mit ihm auf „Augenhöhe“ zusammenarbeitet, ist es Lutz Cassel zu verdanken, dass die Anforderungen der beteiligten Bürger von den Verantwortlichen durchweg ernst genommen und etliche dieser Positionen besonders durch seinen Einsatz im Rahmen der „gläsernen Werkstatt“ direkten Eingang in den Ausschreibungstext gefunden haben.

Für Lutz Cassel, der Wert auf die Feststellung legt, dass er nur gemeinsam mit anderen erfolgreich sein konnte,

hat hier die Bürgerbeteiligung in Hamburg eine „neue Qualität“ erreicht. Durch einen positiven Beteiligungsprozess ist nicht nur ein Kompromiss herausgekommen, sondern ein „neues Produkt“: keine „geplante Langeweile“, sondern ein Viertel, das so aussieht, als sei es „organisch gewachsen“. Man spürt, wenn er dies mit Leidenschaft ausführt, dass ihn das Ergebnis dieses Prozesses mit Stolz erfüllt. Zu Recht: ich glaube, es ist nicht vermessen, zu sagen, dass Lutz Cassel beim Wettbewerbsverfahren um die „Neue Mitte Wilhelmsburg“ sein Meisterstück in Sachen Bürgerbeteiligung abgeliefert hat.

Dazu passt, dass die Geschäftsführerin der IBA Karen Pein seine „kritisch-konstruktive“ Begleitung des Wettbewerbs schätzt:  ihm sei zu verdanken, dass die Interessen der Wilhelmsburger frühzeitig mit einbezogen werden konnten.

Innensenator Andy Grote, bis vor kurzem noch Bezirksamtsleiter in Hamburg-Mitte, fasst es so zusammen; Lutz Cassel ist Wilhelmsburger mit Leib und Seele, ein Brückenbauer und Anstoßgeber mit Herz, Verstand und Humor.

LutzvormTunnel

Lutz Cassel spielt gerne und überall auf seiner Gitarre, die er sich in jungen Jahren von seinem ersten Geld hat bauen lassen!

Auch Manuel Humburg, altlinkes Wilhelmsburger Urgestein und einer der schärfsten Einforderer echter Beteiligungspolitik zollt Lutz Cassel Respekt für sein Engagement:  ein begeisterter Wilhelmsburger, ein echter Allrounder, der ein großes Herz hat, dem Feindbilder fremd sind, der immer versucht, zu versöhnen, ohne Konflikten aus dem Weg zu gehen.

Manchmal muss man sogar sein überschäumendes Temperament ein wenig bremsen, meint Sabine Unbehaun.

 

 

 

Lutz Cassel leitet den Stadtteilbeirat in ausgesprochen kollegialer und bürgernaher Weise.

Man duzt sich auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin. Das hat er vom NDR mitgebracht. Bei Sachentscheidungen wird zunächst ein Meinungsbild der anwesenden, nicht stimmberechtigten Bürger eingeholt, in dessen Licht die stimmberechtigten Mitglieder des Stadtteilbeirats anschließend votieren. Ich nenne das „gelebte Bürgerbeteiligung“.  Wenn Lutz Cassel Wert darauf legt, dass sowohl er selbst als auch der gesamte Stadtteilbeirat dort Anerkennung erfährt, wo es angebracht ist, dann ist das in Ordnung. Wilhelmsburg kann froh sein, einen solchen Lokalpatrioten an der Spitze des Stadtteilbeirats zu haben.

Für Musikinteressierte gibt es in dieser Ausgabe der WIP die Wilhelmsburg-Hymne von Lutz Cassel zum Nachspielen und Mitsingen.

Vielleicht macht er uns noch eine weitere Freude und veröffentlicht in absehbarer Zeit ein ebenfalls von ihm komponiertes Musical über den Hamburger Werftarbeiterstreik im Jahre 1912.